Von der griechischen Antike ins Jahr 1783: Nach den "Abenteuern des Odysseus" zeigt das Ensemble der Burghofspiele Falkenstein in der neuen Spielzeit "Die Erfindung der Freiheit oder: Kann denn Fliegen Sünde sein?", ein Theaterstück von Pit Holzwarth über den ersten Ballonflug kurz vor Beginn der Französischen Revolution.
MARQUIS DE CONDORCET: Auf den 19. Oktober 1783! Champagner! Dieser Tag wird in die Weltgeschichte eingehen. Trink...
JOSELINE: Aber Monsieur le Marquis, Sie wissen doch.... der Patron... ich darf doch nicht mit den Gästen....
CONDORCET: Wenn ich, Jean Marie Antoine Caritat de Condorcet, Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften mit dir...
JOSELINE: ....Joseline Bousquet....
CONDORCET: Joseline, Martine, Monique, Juliette, Antoinette de Bousquet, Mitglied der königlichen Akademie des Schankwesens, trinken will, so hindert mich daran kein Subjekt der Welt. Das richte ihm aus, deinem Patron, denn dieser Tag adelt das ganze Menschengeschlecht.
JOSELINE: Er ist Vater geworden!
CONDORCET: Non, non, non! In der Vorstadt St. Antoine fand heute, kurz vor Sonnenaufgang, vor der königlichen Akademie, ein Experiment statt....
Frankreich im Jahr 1783: Das Volk hungert und leidet unter der Unterdrückung durch den verschwendungssüchtigen, dekadenten Adel. Da taucht am Himmel etwas ganz Unglaubliches, nie da Gewesenes auf: Der erste Heißluftballon. Der Mensch überschreitet die ihm zugewiesenen Grenzen der Natur und erobert eine neue Dimension. Plötzlich scheint nichts mehr unmöglich, Aufbruch und Veränderung liegen in der Luft.
BLANCHARD: Oh welch ein Morgen. Oh wie groß ist mein Glück! Ich weiß nicht, welche Gesinnung die Erde, die ich verlasse, hegt, aber wie sehr ist der Himmel für uns. Hallo! Hallo ! Seht ihr mich? Ich bin es: Jean Pierre Francois Blanchard!
Seht, ihr Unglückseligen, wie viel man verliert, wenn man den Fortgang der Wissenschaften hindert. Könntet ihr doch jetzt unter meinem Ballon mithängen, ihr würdet aufstampfen vor Lust darüber, wie das Luftschiff dahinsaust.
Während Adel und Klerus um ihre Pfründe bangen, die Philosophen von einer freieren Welt träumen, und die Bauern auf eine Verbesserung ihres ärmlichen Lebens hoffen, sehen die Kaufleute des aufstrebenden Bürgertums vor allem das noch ungenutzte finanzielle und militärische Potential der neuen Erfindung...
DUPORT: Wie können Sie, ein Mann des neuen Tempos, sich so gehen lassen? Wohl wissend, dass die entscheidende Aufgabe vor Ihnen liegt: Die Luftmaschine lenkbar zu machen, zu einem Instrument des verlässlichen Transports, das die entferntesten Teile der Welt miteinander verbindet. Nur Sie, Blanchard, können diese historische Aufgabe zu Ende führen. Sie werden sich einen Mann der Zukunft für immer zum Freund und Gönner machen. Im Geschäftsleben gibt es keine Sentimentalitäten, im Geschäftsleben geht es um Monopole. Ich muss das Kakaomonopol haben, und Sie können mir dabei helfen. Sie werden es nicht bereuen.
"Die Erfindung der Freiheit" wurde im Dezember 1989 von der bremer shakespeare company uraufgeführt und blieb dort mehrere Jahre auf dem Spielplan. Geplant als Beitrag der company zur 200- Jahr- Feier der Französischen Revolution, ist auch viel von der damaligen Auf- und Umbruchstimmung in das Stück mit eingeflossen, was sicher zum großen Erfolg der Produktion ebenso beigetragen hat wie seine publikumswirksame Dramaturgie, die auch vor drastischen Szenen nicht zurückschreckt:
MARQUIS DE MONTFORT: Oh Madam, Sie machen mich glücklich.
MARQUISE DE CYBRANET: Montfort, ich erlaube Ihnen, diesen Fuß zu küssen...
MONTFORT: Oh, Madame, Sie machen mich noch glücklicher...
MARQUISE: Sparen Sie sich die Komplimente, Montfort, haben Sie mir etwas mitgebracht, etwas Neues, Extravagantes, Außergewöhnliches, ich meine, außer sich selbst?
MONTFORT: Voilà, Madame, die neueste Kreation aus Paris!
MARQUISE: Oh, Horace, das ist ja ganz entzückend! Mir scheint, die Perücke erregt mich!
MONTFORT: Oh ich fühle deutlich, wie die Wärme Ihren Leib durchdringt! Schon beginnen Sie zu glühen, und in Wahrheit brennen Sie für mich! Madame, Sie sind der Engel, der mich über den Abgrund trägt, auf den Flügeln der Liebe...
Geschichte wird sinnlich erleb- und begreifbar, Aufbruch und Begeisterung über den vermeintlichen Beginn eines neuen Zeitalters ebenso wie der harte, entbehrungsreiche Alltag der so genannten "kleinen Leute", ihre Hoffnungen und Träume von einem besseren Leben und einer gerechteren Welt.
Nicht zu kurz kommen soll auch im nächsten Jahr die bereits bei den "Abenteuern des Odysseus" praktizierte Einbeziehung des Publikums. Regisseur Till Rickelt: "Was den direkten Kontakt mit den Zuschauern betrifft, haben wir in der letzten Saison wirklich viel dazugelernt, das möchte ich in der nächsten Saison unbedingt weiter fortführen, das war auch ein wesentlicher Grund, warum ich "Die Erfindung der Freiheit" vorgeschlagen habe, denn das Stück bietet dafür enorm viele Möglichkeiten. Der ganze zweite Teil spielt beispielsweise fast ausschließlich auf dem Marktplatz von Sarlat, wo der Flieger Blanchard seinen nächsten Ballonaufstieg als eine Art Sensationsshow für das Volk inszeniert, ich hoffe natürlich, dass es uns gelingt, da ein großes Spektakel mit viel Artistik und Akrobatik auf die Burgbühne zu zaubern".

